Gladiatorhelm


Die historischen Hintergründe in Hollywood-Filmen sind in der Regel weniger authentisch, sondern eher der dramatischen Erzählkunst entsprechend "aufbereitet" - salopp ausgedrückt: oftmals eher "an den Haaren herbei gezogen". Aber das muss nicht unbedingt negativ sein, denn bisher hatte die Filmindustrie mit ihren Interpretationen historischer Dramen recht gute Erfolge. Und da, wo versucht wurde, minutiös authentisch zu sein, bedeutete das am Ende meist ein Reinfall. Man denke hierbei beispielsweise an der zweimal gleichzeitigen Verfilmung der Robin Hood-Storie: Als erstes die Öko-orientierte Verfilmung, wo die Helden des Waldes in Pflanzenkostümierung auf dem Set erscheinen, was allenfalls noch Ökofreaks berauschen kann, und in der Kevin Costner anfangs die  Hauptrolle spielen sollte, deren Zusage er aber zugunsten des anderen und weitaus erfolgsversprechenderen Drehbuchs entschied. Und diese zweite Verfilmung mit Costner und Morgan Freeman in den Hauptrollen ist ein echtes Kino-Erlebnis.
Oder die zwei Verfilmungen der Columbus-Abenteuer: Eine historisch ziemlich authentische, aber filmisch bis zur Bedeutungslosigkeit herabgesunkenen Verfilmung, oder die Andere von Ridley Scott mit Gérard Depardieu in der Hauptrolle aus dem Jahre 1992, ein echter Filmgenuss - "Conquest of Paradise".
Nicht nur auf das Drehbuch und deren Verwirklichung kommt es an, sondern besonders auch auf die schauspielerische Qualität, d.h. inwieweit der Zuschauer sich inspiriert durch den Schauspieler in die entsprechende Rolle hineinversetzen kann - sich mit dieser identifizieren kann. Und hier hat Russell Crowe als Tribun Maximus in "Gladiator" eine wahre Meisterleistung schauspielerischen Könnens dargelegt, oder um es mit den Worten des New York Post-Journalisten Jonathan Foreman auszudrücken: "Russell Crowe ist einfach unglaublich" - gerade heute, da ich diese Seite hier fertig stelle, wurde Russell Crowe für seine Leistung mit dem Academy Award "Oscar" als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet; Grandios!
Nun, mit den historischen Hinergründen nimmt es dieser Film allerdings auch nicht so genau - was der Story und der Qualität des Films allerdings keinerlei Abbruch tut, denn der Film ist brillant!

In diesem Epos wird der Römische Kaiser ("Cäsar", wie alle römischen Kaiser nach dem großen Cäsar benannt wurden: "Kaiser" ist nichts anderes als die griechische Bezeichnung Cäsars) Marcus Aurelius Antonius am Anfang von seinem Sohn Commodus ermordet. In Wirklichkeit starb er eines natürlichen Todes im Feldlager von Vindobona (Wien) während des zweiten Markomannenkrieges. Auch wurde Commodus, der im Jahre 161 geboren wurde, schon 166 zum Cäsar ernannt und von seinem Vater im Jahre 177 unserer Zeit zum Mitregenten erhoben. So übernahm er selbstverständlich nach dem Tode des Vaters im Jahre 180 die Alleinherrschaft.
Richtig ist, dass Commodus ermordet wurde, und zwar fiel er im Jahre 192 einer Verschwörung zum Opfer und wurde von seinem Trainer, einem Ringer, erwürgt. Später, im Jahre 197, erhob ihn sein Nachfolger Septimius Severus zum Gott.
Marc Aurel (Marcus Aurelius Antonius (Foto der Büste)) wurde indes am 26. April 121 in Rom als Sohn des M. Annius Verus geboren. Schon als Zwölfjähriger entsagte er dem Luxus, schlieft auf dem Boden, strebte nach einem Leben im Einklang mit der Natur, und wollte nicht mehr und nicht weniger als ein Philosoph werden. Durch sein aufgewecktes Wesen erfreute er sich der Gunst Hadrians (Imperator in den Jahren 117 bis 138), auf dessen Wunsch Antoninus Pius - der spätere Nachfolger Hadrians - den Jungen nach alter Tradition adoptierte und damit als möglichen Thronerben auserkor.
Marc Aurel hatte umfassende Ausbildungen genossen, er widmete sich der Philosophie. Antonius Pius förderte den jungen Intellektuellen, beteiligte ihn an den Regierungsgeschäften und gab ihm seine Tochter zur Frau. Als Kaiser Pius im Jahre 161 starb, übernahm Marc Aurel gemeinsam mit seinem Bruder Lucius Verus als Mitkaiser (bis zu dessen Tod 169) die Herrschaft und praktizierte zum ersten Mal die Teilung der Regierungsgewalt.
Das römische Reich war groß und hatte viele Gegner. Die Angriffe der Feinde von außen wurden zur Regierungszeit von Marc Aurel zu einer andauernden Belastung für die römische Armee. Hohe Verluste mussten hingenommen werden, wodurch die militärische Führungsschicht dezimiert wurde. Germanen, Britannier und Parther erhoben sich gegen Rom. Markomannen und Quaden drangen bis Italien vor und belagerten im Jahre 169 Aquileia. Um die Kriegskasse aufzufüllen, versteigerte Marc Aurel die Kronjuwelen in Rom. Germaneneinfälle häuften sich und breiteten sich bis Kleinasien aus. Im Jahre 172 gab es Aufstände in Ägypten, und die Mauren fielen in Spanien ein. Auch in den eigenen Reihen hatte der Kaiser Feinde. Machtränkerein, Intrigen und Komplotte gehörten im römischen Reich über einen großen Zeitraum fast zur Tagesordnung. Eine Verschwörung unter C. A. Cassius gegen Marcus Aurelius konnte jedoch erfolgreich niedergeschlagen werden.
Zu den militärischen Katastrophen des Imperium zwischen 160 und 170, kamen verheerende Seuchen, die empfindliche Einbußen qualifizierter Führungskräfte in den einzelnen Provinzen zur Folge hatte. Den "Schwarze Tod" - die Pest - brachten die siegreich aus dem Partherkrieg heimkehrenden Legionen mit; etwa zehn Prozent der Reichsbevölkerung überlebten die Epidemie nicht. Der Kaiser versuchte durch Umstrukturierung des Führungs- und Verwaltungsapparates der Provinzen diese Verluste zu kompensieren.
Am 17. März 180 empfiehlt Marc Aurel, dem Tode nahe, seinen 18-jährigen Sohn Commodus als Nachfolger - und brach so aus blinder Vaterliebe mit der bewährten Nachfolgeregelung durch Adoption, die dafür sorgen sollte, dass der Tüchtigste aller Kandidaten auf den Thron gelangte.
Von seinen Biographen ist dem Kaiser zumeist nur Lob gespendet worden. Von Cassius Dios sind folgende biographische Angaben zu Marcus Aurelius überliefert: "So rein war er von jede Blutschuld, so mild und gottesfürchtig. Nichts vermochte ihn seinen Grundsätzen untreu zu machen, weder die Frevelhaftigkeit der verräterischen Unternehmungen gegen ihn, noch die Besorgnis, durch die Begnadigung der Frevler neue zu ermutigen... Dass seine Handlungen nicht Heuchelei, sondern reine Äußerungen der Tugend waren, lag offen zu Tage... Er hatte einen siechen Körper und fast die ganze Zeit seiner Regierung mit zahlreichen Ungemach zu kämpfen."
Seine Bereitschaft zu verzeihen, seine Furcht, jemanden weh zu tun, sind immer wieder betont worden: "In der letzten Zeit vor seinem Tode, ehe er sich noch einmal in den markomannischen Krieg begab, beteuerte er eidlich auf dem Kapitol, kein Senator sei mit seinem Wissen getötet worden, und fügte noch hinzu, er würde selbst die Empörer am Leben halten, wenn es möglich gewesen wäre." ("Historia Augusta")
Sein Sohn Commodus war da entschieden anders. Dieser Gegensatz zwischen Vater und Sohn wird im Film "Gladiator" gleich zum Anfang deutlich, da Marcus Aurelius einen anderen als Commodus, nämlich Tribun Maximus, als sein Nachfolger auf dem Thron auserkoren hat und deshalb vom eigenem Sohn ermordet wird. Somit ist dieser erfundene Film-Mord ein dramaturgisch notwendiger Dreh, um die Handlung des Films in die entsprechende Richtung zu lenken und von vornherein die Skrupellosigkeit des Commodus aufzuzeigen. Die Fronten sind damit klar: Auf der einen Seite der Vater, der sich immer als Diener Roms sah, und auf der anderen Seite der Sohn, Commodus, Machtgierig, seiner selbst willen Kaiser, Herrscher um jeden Preis.
Und natürlich Maximus, der populäre und erfolgreiche Heerführer, der dem Frevler die Treue verweigert und deshalb samt seiner Familie ebenfalls ermordet werden soll...


Das Kolosseum. Eine Arena blutiger Gladiatorenkämpfe

In Rom lebte Commodus alsbald ausschweifend und machte sich von Präfekten und Kämmerern abhängig. Willkürliche Hinrichtungen häuften sich. Senatoren und ehemalige Günstlinge, ja sogar seine eigene Frau Crispina ließ er umbringen.
Dabei begann er sein Amt durchaus vielversprechend: er beendete unverzüglich den Krieg seines Vaters mit den Markomannen und Quaden, Grenzsicherung war das Ziel der Außenpolitik - auch wenn dies vor allem die Politik seiner Berater war. Dem Imperium ging es gar nicht mal schlecht. Die Steuern blieben moderat, und für Getreideimporte aus Afrika wurde eine eigene Flotte eingerichtet. Commodus fand auch Zeit, sich ums einfache Volk zu kümmern: Bittgesuche selbst geringster Bürger aus den Provinzen kommt er nach. Den Senat allerdings schaltete er - als erster Kaiser - von den Regierungsgeschäften aus, weshalb die Senatoren später mehrere Verschwörungen gegen ihn anzettelten.
Doch schon bald war Commodus von den Amtsgeschäften gelangweilt und widmete sich lieber anderen Vergnügen. Er förderte heimische und fremde Kulte, nahm am Isisdienst teil, er inszenierte sich als Herkules und beteiligte sich schließlich an Gladiatorenkämpfe und Tierhetzen.
Dieser Gegensatz im Charakter zu seinem Vater zeichnete sich bereits früh in der Kindheit ab: "Denn schon in seinen jüngeren Knabenjahren war er niederträchtig, boshaft, grausam, wollüstig, unkeusch, ein Werkzeug fremder Wollust und Künstler in allem, was mit der erhabenen Stellung eines Kaisers unverträglich ist. Er formte Pokale, tanzte, sang, pfiff und zeigte sich als einen vollendeten Possenreißer und Gladiator." Und: "...einfältige Gesichtszüge, wie sie die Trinker gewöhnlich haben, und eine unangenehme Sprache. Seine Haare trug er immer gefärbt und mit Goldstaub eingepudert. Aus Furcht vor dem Barbier sengte er sich Haare und Bart ab." ("Historia Augusta")
Von Herodian erfahren wir dagegen, dass Commodus "in der Blüte der Jahre stand, gut aussah, einen proportionierten Körper und ein männlich schönes Gesicht hatte. Sein Blick war liebreich und feurig, sein Haar von Natur aus blond und kraus. Wenn er in der Sonne stand, spielte es in Feuerfarbe, so dass einige glaubten, er lasse sich, wenn er ausging, mit Goldstaub pudern".
Durch die verantwortungslose Staatsführung des Imperators Commodus und seines Anhangs wurde eine schon unter Marcus Aurelius beginnende Krise des Herrschaftssystems noch gefördert, so dass die bewährte Ausbalanciertheit der sozialen Schichtungen ins Wanken geriet. Die Prätorianerpräfekten, die Anführer der Leibwache, nutzten dies und vor allem das Desinteresse des Kaisers an den täglichen Regierungsgeschäften aus und bauten durch Ämterverkäufe und Günstlingswirtschaft eine Schattenherrschaft auf - was freilich nicht ungefährlich war, denn Commodus ließ sie kurzerhand ermorden, wenn sie ihm zu mächtig wurden.
Gegen Commodus gab es etliche Anschläge, die sein rücksichtsloses Vorgehen eher noch steigerten und als hemmungslose Willkür erscheinen ließen. Seine Ausschreitungen erscheinen als bewusst zelebrierte Orgien. Er spielte mit den Menschen wie mit Puppen. Er war Akteur und Regisseur seiner selbst, setzte sich die Anubismaske auf, kostümierte sich als Herkules, veranstaltete Schützenfeste gegen Vögel aller Art, versuchte Tieren und Fechtern den Garaus zu machen, tötete Elefanten und würgte Löwen, wie es hieß.
Am Ende wurde er selbst zum Opfer: Aus Furcht um ihr eigenes Leben ließen seine Konkubine Marcia, sein Kämmerer Eclectus und der Prätorianerführer Laetus den 31-jährigen vor seinem Auftritt als Gladiator zum Neujahrstag des Jahres 193 am Silvesterabend im Bade von seinem Gladiatortrainer erwürgen, nachdem ein Giftanschlag fehlgeschlagen war.
Im Film ereilt Commodus ein etwas anderes Schicksal: Tribun Maximus überlebt den an ihm vollführten Mordversuch schwerverletzt, wird im bewusstlosem Zustand von Sklaventreibern gefangen genommen und an einem Veranstalter von Gladiatorenkämpfen verkauft. Von nun an kämpft er sich als Gladiator von Arena zu Arena bis nach Rom, wo er Commodus im Zweikampf im großen Kolosseum tötet, bevor er selbst seinen Verletzungen erliegt.
Maximus, der Retter Roms! Marcus Aurelius wollte, dass Rom wieder eine Republik wird in der der vom Volke gewählte Senat die Macht hat. Am Ende des Filmes scheint dieses Ziel Wirklichkeit zu werden, da die Regierungsgewalt in die Hände des Senats gelegt wird. In Wirklichkeit aber kommt ein noch brutalerer Kaiser an die Macht: Septimius Severus. Er war zwar ein Mann aus dem Senat, der noch von Marcus Aurelius in diesem aufgenommen wurde, wo er die Beamtenlaufbahn durchlief. Doch als letztes war er Stadthalter in Oberpannonien (heutiges Österreich), wo er nach dem Tod des nur kurze Zeit (Januar - März 193) regierenden Übergangskaisers Pertinax im Jahre 193 in Carnuntum bei Wien zum Kaiser erhoben wurde und sich dank der Stärke seiner Truppen gegen den in Rom von den Prätorianern zum Kaiser erhobenen Didius Iulianus behauptete. Er herrschte bis ins Jahr 211 und war einer der wenigen Kaiser, die eines natürlichen Todes starben.

© 2001 by Torsten Migge

[ Karte des römischen Imperiums (1005 x 711 pixel = 103 Kb) ]

 

[ Russell Crow Infos ]
hier:

 

 

 

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