Kapitänleutnant Günther Prien,
und das Ende Kretschmar`s und Schepke`s

Prien (Foto) war ein HSO, so nannte man die Offiziere, die von der Handelsschiffahrt zur Kriegsmarine gekommen waren. Die jugendliche Abenteuerlust hatte den fünfzehnjährigen Prien zur Seefahrt gedrängt. Er lernte die Rechtlosigkeit des Matrosen an Bord und den Geiz der Kapitäne, die sich auf Kosten der Mannschaft bereicherten, kennen. Doch der junge Prien träumte nicht nur von sozialem Aufstieg, sondern er verzichtete auch auf jede Freude, um das Geld für eine bessere Ausbildung auszugeben, die ihn einmal über seine Bordkameraden emporheben sollte. Endlich, im Januar 1932 schien es Prien geschafft zu haben. Er bestand die Prüfung "Kapitän auf Großer  Fahrt". Doch er fand keine Reederei die ihn einstellte.  Die Weltwirtschaftkrise war auch über die Handelsschiffahrt hereingebrochen, und in allen Häfen wurden immer mehr Schiffe aufgelegt. Mit vierundzwanzig Jahren stand Prien vor dem Ende seiner Träumen. Wie Millionen Werktätige musste auch er "stempeln gehen". In dieser Zeit begann Prien mit den Nazis zu sympathisieren. Er suchte und fand Anschluss. Prien trat in den sogenannten Freiwilligen Arbeitsdienst ein, der unter dem Einfluss der Nazipartei stand und in dem Ende 1932 über 20.000 Anhänger der Faschisten kaserniert zusammengeschlossen waren. Als im Jahre 1933 Handelsschiffsoffiziere in die Reichsmarine aufgenommen wurden, meldete sich Prien als Freiwilliger.
Die maritime Aufrüstung Deutschlands erforderte eine Vielzahl qualifizierter Kräfte, deren Ausbildungszeit durch die Übernahme von Handelsschiffsoffizieren abgekürzt werden sollte. Prien witterte die Chance für eine Karriere, wie sie ihm die zivile Schiffahrt nicht bieten würde. Er bewarb sich, wurde angenommen und bedankte sich bei seinen neuen Herren, indem er seine soliden seemännischen Kenntnisse in den Dienst der hitlerschen Aggression stellte. Seine Bewährungsprobe legte er als Wachoffizier auf deutschen U-Booten ab, die bei der Seeblockade gegen die spanische Volksfrontrepublik eingesetzt wurden. Seine Leistungen fanden Beachtung und er erhielt das Kommando über ein U-Boot. Nach fünfjähriger Dienstzeit avancierte er zum Kapitänleutnant. Von der weltaufgeschlossenen Haltung eines Handelsschiffsoffiziers war bei ihm bald nichts mehr zu spüren. Sein Weltbild und sein Denken wurden von der Propaganda um "U-Weddigen" beherrscht. So galt er im Stab des FdU als einer der fähigsten und zuverlässigsten U-Boot-Kommandanten. Das Scapa-Flow-Unternehmen, von der U-Boot-Führung geplant und organisiert, hatte einen raffinierten Aspekt. Mit dem Gelingen dieses Unternehmens besaßen die Offiziere, die in ihren Überlegungen das U-Boot bevorzugten, bessere Argumente. War es bisher Dönitz und seinem Anhang nicht gelungen, sich gegen die vorherrschenden Auffassungen über die Führung des atlantischen Zufuhrkrieges durchzusetzen, so hatte das Ergebnis des U-47-Einsatzes erneut den Angriffswert des U-Bootes trotz Weiterentwicklung der Abwehrmittel bewiesen. Die einsetzende Propagandawelle hatten Dönitz und sein Stab in ihre Pläne mit einkalkuliert.
Die oberste deutsche Führung schenkte unter dem Eindruck des Erfolges von U-47 der von Dönitz vertretenen Auffassung eines atlantischen Zufuhrkrieges großes Interesse. Er hatte mit U-47 seinen Kontrahenten in den Auseinandersetzungen um die beste Methode im Kampf gegen die Wirtschaft Großbritanniens einen harten Schlag versetzt,­ "U-Prien" füllte auf Wochen die Seiten der deutschen Presse. Man hätte endlich einen neuen U-Boot-Helden, einen neuen Weddigen, der, wie es hieß, die "Ehre" der deutschen Flotte in Scapa Flow wieder hergestellt, England die Faust gezeigt und "Großdeutschlands Seegeltung" bewiesen habe, "U-Prien", der "Stier von Scapa Flow".
Demonstrativ ließ Hitler Prien und die Besatzung nach Berlin in die Reichskanzlei kommen. Er verlieh Prien als erstem Marineoffizier das Ritterkreuz.
Der Rummel um Prien wollte kein Ende nehmen. In jeder Dorfschule hing bald sein Bild. Er wurde zum Idol für die Jugend gemacht. Die unheilvolle Tradition konnte fortgesetzt werden, Prien, der "Weddigen von heute"!
Der einstige arbeitslose Handelsschiffsoffizier hielt für Dönitz und Goebbels in Schulen und Lagern der Hitlerjugend kriegsbegeisternde Vorträge über seine Fahrt nach Scapa Flow. Sein Erlebnisbericht, den er von einem Propagandaoffizier niederschreiben ließ, erschien noch vor Jahresende in hoher Auflage, weitere folgten in kurzen Abständen. Der Grundtenor lautete: Angehöriger der U-Boot-Waffe zu werden sollte das erstrebenswerte Ziel der Jugend sein.
Prien war längst kein einfacher deutscher U-Boot-Offizier mehr, er war zum Mitverantwortlichen, zum Repräsentanten des deutschen Militarismus geworden. Beider Schicksale waren spätestens von diesem Zeitpunkt an untrennbar verbunden. Und das gab später zu nicht verstummen wollenden Gerüchten und Vermutungen Anlass, nach Prien zu fragen, später, in der Zeit als das Schweigen um ihn begann.


U-47 unter Günther Prien

Das Ende von Prien, Kretschmar und Schepke

Im Frühjahr 1941 verlor die U-Boot-Waffe ihre drei populärsten U-Boot-Kommandanten. Zunächst meldet sich ab den 8.03.1941 U-47 unter Prien nicht mehr. Sein letzter Funkspruch war die Positionsangabe eines Geleitzuges den er verfolgt hatte. Ab dem 17.03.1941 gaben auch Kretschmer U-99 und Schepke U-100 keine Antwort mehr.
Nicht nur in der U-Boot-Führung, sondern auch in der Seekriegsleitung herrschte starkes Unbehagen. Die drei erfolgreichsten U-Boote waren verloren gegangen. Die Namen Kretschmer, Schepke und besonders Prien waren Aktivposten der Goebbelsschen Propaganda. Presse und Rundfunk wurden nicht müde, diese drei Kommandanten als Helden und Vorbilder für die Jugend zu preisen. Wie sollte man den Verlust der Öffentlichkeit beibringen? Kretschmer, der "Schützenkönig" – er wird zunächst einmal am 21. März außerplanmäßig zum Korvettenkapitän befördert -, dessen Abschussergebnis 313.611 BRT betragen haben soll, Schepke, der einstige "Lochkriecher" (U-Minenleger), der sich gern von den Kameraden "Seiner Majestät bestaussehender Offizier" nennen ließ, waren nicht zurückgekehrt. Und Prien, der Stier von Scapa Flow, der "Weddigen"!

Das alles war ein harter Schlag wenigstens für die Propagandamacher und für die Produzenten von Siegesnachrichten. Die drei Leitbilder des Rudels der "grauen Wölfe", wie die Kriegsberichte die U-Boote nannten, vom Einsatz nicht zurückgekehrt. Wahrlich, das warf selbst für das doch im Lügen gewiss routinierte "Reichspropagandaministerium" komplizierte Probleme auf. Gab man die Verluste zu, würde das Volk womöglich daraus schließen, dass das "perfide Albion", wie England im Vokabular der faschistischen Propaganda genannt wurde, wohl doch noch nicht so angeschlagen und der Endsieg vielleicht doch noch nicht so nahe war, wie in Presse und Rundfunk immer wieder behaupteten worden war. Also wurde zunächst der Verlust verschwiegen.
In den Werften, in den Flottillen, in den einzelnen Stäben der Marine und allmählich auch bei den anderen Einheiten auf See und an Land hörte das Tuscheln nicht mehr auf. Was ist mit Prien, Kretschmer und Schepke?
Längst hatte die U-Boot-Führung Gewissheit, dass keines der Boote zurückkehren wird. Die englische Presse berichtete von der Vernichtung dieser Boote in Balkenüberschriften. Die Radiostationen verkündeten es aller Welt. Der Verlust von U-47, U-99 und U-100 wurde daraufhin dem Oberkommando der deutschen Wehrmacht gemeldet. Nun hätte die Versenkung im Wehrmachtbericht bekannt gegeben werden müssen. Hier mischte sich Hitler ein. Er war der Meinung, dass der Kriegsmoral des deutschen Volkes der gleichzeitige Verlust seiner drei berühmtesten U-Boot-Kommandanten nicht zugemutet werden könne. Er hatte befürchtet, der Schock, die moralische Niederlage, würde zu groß sein. Nur der Verlust von U-99 und U-100 durfte bekannt gegeben werden, in Sachen Prien erging folgender Befehl: "Der Führer behält sich ausdrücklich vor, den Termin der Bekanntgabe zu bestimmen."
Am 25. April 1941 wurde im Wehrmachtbericht der Verlust von U-99 und U-100 eingestanden.
Doch damit waren die Fragen nach Prien nicht aus der Welt geschafft. Ausweichend wurde Prien erst einmal außerplanmäßig zum Korvettenkapitän befördert. Das beruhigte jedoch keineswegs. Ganz im Gegenteil. Das Munkeln und Tuscheln schwillte zur Lawine an. In keinem Hafen und in keiner Werft wurde U47 gesehen, und die ersten Spekulationen und Vermutungen wurden anfangs zwar verhalten, aber bald immer lauter ausgesprochen. Man hatte allenthalben von Konzentrationslagern gehört, und einige wollten wissen, dass Prien und seine Besatzung hinter dem Stacheldraht eines solchen Lagers verschwunden wären. Prien und seine Besatzung hätten gemeutert, weil die Torpedos dauernd versagten. Sie hätten mit dem Boot nicht mehr auslaufen wollen, weil es beschädigt gewesen wäre. Andere behaupteten, Prien hätte auf Hitler geschimpft. Wieder andere wollten wissen, die Besatzung von U47 hätte kapituliert. Immer neue Gerüchte kamen auf.
Mit der Verschweigtaktik erreichte man schließlich das Gegenteil. Hatte die Propaganda aus Prien einen "Volkshelden" gemacht, reagierte das "Volk" auf das beharrliche Schweigen absolut logisch: jene, die über Priens Verbleiben schwiegen, mussten also allen Grund dazu gehabt haben. Hatten sie ihn selbst zum Schweigen gebracht? Jeder Deutsche wusste ja
zu dieser Zeit, dass es nichts Außergewöhnliches war wenn eine Person über Nacht auf Nimmerwiedersehen verschwand. Wer gegen Hitler gegen den Krieg und gegen die Nazis war, verschwand von der Bildfläche des täglichen Lebens. Warum sollte es mit Prien anders sein?
Nachdem die deutschen Führer begriffen hatten, was mit dem Schweigen um Prien angerichtet worden war, kamen sie nicht mehr umhin, den Verlust von U47 bekannt zugeben. So war dann im Wehrmachtbericht vom 23. Mai 1941 siebenundsiebzig Tage nach dem letzten Funkspruch Priens, der lakonische Satz zu lesen, dass "das von Korvettenkapitän Prien geführte Unterwasserboot von seiner letzten Unternehmung nicht zurückgekehrt ist".
Im folgenden Monat wurde die Sowjetunion überfallen und neue Siegesmeldungen sollten vom Nachdenken über das Schicksal Priens ablenken. Der wahre Zweck der Verschweigtaktik wurde hierin offenbar.
Doch das gelang nur zeitweise. Die Gerüchte um Prien verstummten nicht. Bis zum Kriegsende und noch darüber hinaus wurde unentwegt gemunkelt. Man hatte die Unsterblichkeit des "Helden" so hoch gepriesen, dass sein normaler Kriegstod, gerade durch das lange Verschweigen, zur Unglaubwürdigkeit wurde.
In einem 1946 von der britischen Admiralität veröffentlichten Bericht wird das Ende der drei Boote wie folgt geschildert: "Im Laufe des Monats März wurden jedoch sechs U-Boote im Nordatlantik vernichtet, unter ihnen die drei der bewährtesten Kommandanten. Priens Boot wurde durch Wasserbomben des Zerstörers "Wolverine" am 8. März versenkt. Es gab keine Überlebenden. Am 17. März, drei Uhr morgens, wurde Schepkes Boot nach einer Wasserbombenverfolgung zum Auftauchen gezwungen und von dem Zerstörer "Vanoc" gerammt und versenkt. Schepke selbst wurde durch den Bug der "Vanoc" zwischen der zerbeulten Brücke und dem Sehrohrbock eingequetscht und getötet. Eine halbe Stunde später erlitt Kretschmers U-99, das mit U-100 zusammen operierte, das gleiche Schicksal durch den Zerstörer "Walker". Kretschmer selbst geriet lebend in Gefangenschaft."
 

Quelle: Paul Herbert Freyer "Der Tod auf allen Meeren"

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